Januar – Neues Jahr, neuer Monatsbetrachter

20. Dezember 2016

Liebe Imkerinnen und Imker,

Januar Dr. Gerhard Liebig
Dr. Gerhard Liebig

36 Jahre lang habe ich mich im Süden Deutschlands als praktizierender Wissenschaftler intensiv mit den Bienen, ihrer Haltung sowie ihren vermeintlichen und tatsächlichen Problemen beschäftigt. Dasselbe tue ich jetzt seit sechs Jahren im Ruhestand, nun im Westen der Republik. Seitdem haben die – vermeintlichen – Probleme zugenommen. Das wird deutlich, wenn man die Bienenhaltung von heute nicht nur von innen, aus Sicht der Imker, sondern auch von außen betrachtet, also so, wie sie in der nicht-imkerlichen Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Die Situation der heimischen Bienenhaltung und ihr Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit sind nicht deckungsgleich. Die Schnittmenge ist relativ gering, weil sowohl bei der Betrachtung durch die Imker als auch durch die Öffentlichkeit oft nicht zwischen den vermeintlichen und den tatsächlichen Problemen unterschieden wird. Bezüglich der Betrachtung von außen wird das deutlich, wenn sich Nachbarn oder Honigkunden beim Imker nach dem Befinden seiner Völker erkundigen und nachgerade erstaunt sind, wenn sie erfahren, dass es diesen gut geht und sie nicht vom Bienensterben betroffen sind. Dieser Sachverhalt trifft allerdings nur auf Imker zu, die die Varroa im Griff haben. Das ist die Mehrheit, die „von innen“ betrachtet wenig und „von außen“ betrachtet anscheinend überhaupt nicht wahrgenommen wird.

Der anhaltende Medienhype um das massenhafte und weltweite Bienensterben hat viele Menschen veranlasst, mit der Bienenhaltung zu beginnen. Dieser Trend wird von Aktionen wie „Berlin summt“ gefördert, was in vielen Städten Nachahmer fand, sodass inzwischen ganz „Deutschland summt“. Mit „Bienen machen Schule“ werden Schulen zum Mitmachen animiert. Dank „HOBOS“ können Schüler Bienen online beobachten und sie sogar erforschen, ohne selbst Bienen zu halten.

Die Stadtimkerei, bei der Bienenvölker auch auf Balkonen und Hausdächern gehalten werden, boomt. Angeblich geht es den Bienen in der Stadt besser als auf dem Land. Diese Behauptung bewerte ich ähnlich wie das vermeintliche Einstein-Zitat, nach dem der Mensch nur noch vier Jahre zu leben hat, wenn die Biene von der Erde verschwindet: Es hielt einer genaueren Überprüfung nicht stand und hat sich als Legende entpuppt.

Auf dem Markt werden teure Einraumbeuten angeboten und unerfahrenen Einsteigern wird suggeriert, dass in diesen Bienenwohnungen eine wesensgemäße und naturnahe Bienenhaltung mit wenig Aufwand möglich sei. Dabei wird auf Errungenschaften wie Rähmchen, Mittelwand, Absperrgitter, Bienenflucht und Schleuder, auf schwarmfreie Völkerführung, auf gezielte Völkervermehrung mit integrierter Königinnenaufzucht und auf einen geordneten Wabenbau verzichtet – und damit auch auf eine Bienenhaltung ohne Stress für Tier und Tierhalter.

Wer seine Völker schwärmen lässt, nimmt in Kauf, dass diese Schwärme dem Tod geweiht sind, wenn sie nicht gefangen werden. Etwa jeder zweite abgehende Schwarm erleidet dieses Schicksal. Ebenso ergeht es Völkern, die sich selbst überlassen bleiben. Sie sterben, wenn sie nicht sachgerecht gehegt und gepflegt werden.

Worauf ich bei der Bienenhaltung Wert lege

Mit der Spätsommer- und Herbstpflege wird der Grundstein für den imkerlichen Erfolg in der nächsten Saison gelegt. Wer im Vorjahr dafür gesorgt hat, dass seine Völker stark genug, mit ausreichend Futtervorrat versehen, auf möglichst jungem Wabenbau und mit einer jungen Königin in den Winter gegangen sind und während der Aufzucht der Winterbienen nicht unter übermäßig starkem Varroabefall gelitten haben, der braucht sich keine Sorgen zu machen. Seine Völker werden den Winter überleben (egal wie dieser wird), sich im kommenden Frühjahr zügig entwickeln (egal wie dieses wird), schwärmen wollen und im Spätsommer und Herbst wieder gründlich gegen die Varroa behandelt werden müssen.

Ob und wie lange Völker in Schwarmstimmung sind und wie viel Honig sie bringen, hängt auch vom Imker ab. Der Honigertrag ist in erster Linie eine Frage des Standortes und am Standort eine Frage der Volksstärke. Sammelleistung und Schwarmverhalten sind positiv miteinander korreliert, denn starke Völker sammeln viel und wollen in der Regel auch schwärmen. Sammelleistung und Schwarmverhalten lassen sich meiner Meinung nach sehr viel leichter durch die Völkerführung beeinflussen als durch züchterisches Bemühen. Bei der Zuchtauslese liegt mein Schwerpunkt auf dem Merkmal Sanftmut.

Was ist jetzt an den Völkern zu tun?

Wenn man seine Völker richtig auf die Überwinterung vorbereitet hat: nichts. Ab und zu ein Kontrollgang, ob die Völker noch so stehen, wie man sie verlassen hat: ob nach einem Sturm die mit Steinen beschwerten Deckel noch aufliegen, ob kein Flugloch verstopft ist. Wenn es weit geöffnet ist und ein Mäusegitter Spitz-, Feld- und Hausmäusen den Zutritt verwehrt, kann es nicht verstopfen.

Dr. Gerhard Liebig



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