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Diversität wird oft falsch verstanden

10.06.2015

© Silke Beckedorf, Rob Snyder, Balser Fried, Sebastian Spiewok, CSIRO (2)

Professor Kaspar Bienefeld koordiniert das neue EU-Projekt.

■ Professor Bienefeld, Sie haben von der EU den Zuschlag für ein sechs Millionen Euro schweres Projekt erhalten. Sie führen das Projekt aber nicht alleine durch?
Bienefeld: Nein, wir haben 16 Partner aus elf verschiedenen Ländern, darunter Dänemark, Großbritannien, Italien, Norwegen, Frankreich, Rumänien und Spanien. In Deutschland ist zudem das Bieneninstitut Kirchhain beteiligt. Außerdem sind gemäß den Vorgaben der EU auch Industriepartner eingebunden. Unser Institut koordiniert das Projekt.

■ Welches sind die geplanten Hauptthemen?
Das Projekt ist sehr komplex. Zum einen geht es darum, Resistenzfaktoren der Bienen gegen die Varroose und gegen Viren zu bestimmen sowie substanzielle Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Krankheiten zu ergreifen. Darüber hinaus geht es aber auch um den Erhalt der genetischen Vielfalt der Honigbienen. In den letzten Jahren wurden die Exporte von Carnicabienen aufgrund der Zuchterfolge in Österreich und Deutschland massiv ausgeweitet. In der Folge verlassen sich andere Länder nun zu sehr auf diese Bienenimporte und vernachlässigen dadurch die Zucht im eigenen Land. Im Grunde kann man alle Rassen in Europa außer der Carnica und der Ligustica, als mehr oder weniger bedroht ansehen. Der Erhalt der verschiedenen Honigbienenrassen ist aber als biologische Versicherung gegen Klimaveränderungen und neue Krankheiten sehr wichtig.

■ Der Erhalt der Biodiversität ist auch in der Imkerei zuletzt stärker in den Vordergrund gerückt.
Ja, allerdings wird Diversität oft falsch verstanden. Dabei geht es nicht um einen großen Mix aus allem, sondern um den Erhalt der einzelnen Rassen und der genetischen Streuung innerhalb dieser Rassen.

■ Das klingt ein wenig, als ob Sie die Dunkle Biene in Deutschland wiederbeleben wollten.
Nein, der überwiegende Teil der Imker hält Carnica. Da halte ich den Versuch einer flächendeckenden Wiedereinführung der Dunklen Biene nicht für sinnvoll. In anderen Ländern sieht das aber anders aus. Smartbees ist ein europäisches Projekt, und in Ländern, in denen es sinnvoll und nachhaltig ist, sollte man die entsprechenden Zuchtinitiativen unterstützen. Es gibt allerdings auch in Deutschland sehr engagierte Halter der Dunklen Biene, die eher regional aktiv sind. Diese sehen durchaus die potenziellen Konflikte in der Imkerei. Sie wissen, dass das Halten der Dunklen Bienen in Deutschland nur klappt, wenn die Bedürfnisse aller Imker berücksichtigt werden.

■ Wenn verschiedene Rassen in einem Gebiet gehalten werden, können sich diese vermischen. Ist die Befürchtung gerechtfertigt, dass daraus Stecher als Nachkommen hervorgehen?
Mir fehlen wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen würden, dass Rassenkreuzungen per se zu aggressiven Bienen führen. Wenn beide Rassen auf Sanftmut gezüchtet sind, so ist das auch mit größerer Wahrscheinlichkeit bei den Nachkommen zu erwarten. Diesbezüglich existiert auch bei der Dunklen Biene gutes Zuchtmaterial. In der Tat gibt es in Deutschland zunehmend Initiativen, die Dunkle Biene zu halten. Dies wird vermutlich nicht ohne Konflikte ablaufen. Aber diese löst man besser mit- als gegeneinander. Die Dunkle Biene sanftmütiger zu züchten und gegenseitig die Belegstellen zu respektieren sind wichtige Schritte zur Konfliktvermeidung.

■ Was ist im Projekt zum Erhalt der Diversität geplant?
Erst einmal soll in den einzelnen Ländern der Istzustand erhoben werden. Welche Rassen und welches genetische Material sind überhaupt noch vorhanden? Wie kann man die vorhandenen Ressourcen stabilisieren? Durch Ausbildung der Imker zu Züchtern und durch lokale Zuchtprogramme sollen schließlich die einheimischen Bienen den Bedürfnissen der Imker angepasst werden, damit diese nicht mehr auf Importe aus dem Ausland zurückgreifen.

■ Welche Arbeiten sind dazu notwendig?
Wir müssen in Anpassung an die Situation in den einzelnen Ländern für die verschiedenen Rassen spezielle Konzepte entwickeln. Dafür muss unter anderem das bislang genutzte Modell der Zuchtwertschätzung angepasst werden, denn in einigen Ländern werden kaum Belegstellen genutzt. Folglich liegen dort keine Angaben über die väterliche Abstammung vor, sodass andere Berechnungskonzepte notwendig sind. Die Züchter in einigen europäischen Ländern müssen speziell in die Prüfung auf Varroatoleranz eingeführt werden. Zudem ist es notwendig, die Empfehlungen für die Zucht an die jeweiligen Populationsgrößen der einzelnen Rassen anzupassen. Hier werden wir auch Simulationsstudien durchführen, die Zeiträume von mehreren Hundert Jahren umfassen. Dies zeigt, dass Nachhaltigkeit ein ganz wichtiger Punkt in diesem Projekt ist. Es geht hier nicht um kurzfristige Effekte. Aber Zuchterfolge sind kumulativ und nachhaltig. Die Zucht toleranter Bienen ist nachhaltiger als jeder Medikamenteneinsatz, der jedes Jahr wiederholt werden muss und bei dem immer wieder Resistenzen auftreten können.

■ Befindet sich die Zucht in Deutschland nicht bereits auf einem hohen Niveau?
Ja, eindeutig, die Leistungsprüfung ist in Deutschland schon sehr weit entwickelt, und die Züchter sind sehr gut ausgebildet. Deutschland hat in der Bienenzucht eine lange Tradition. Da muss in anderen Ländern mehr investiert werden. Allerdings können auch hierzulande die Methoden noch optimiert werden.

■ Ein Schwerpunkt in der Zucht soll auf der Varroatoleranz liegen. Welche Faktoren spielen für die Toleranz eine Rolle?
Wir glauben, dass das Ausräumen von befallener Brut ein ganz wichtiger Faktor der Varroatoleranz ist. Hier kann man bei der Forschung noch weiter in die Tiefe gehen. Aber möglicherweise gibt es noch weitere wichtige Faktoren. Ein zentrales Problem ist, dass alle größeren Untersuchungen zur Varroatoleranz mit Carnica oder in den USA mit Ligustica durchgeführt wurden. Vielleicht weisen andere Rassen noch auf weitere Resistenzmechanismen hin. Wir wollen daher verschiedene Rassen der Westlichen Honigbiene vergleichend analysieren und auch beim ursprünglichen Wirt der Varroa, der Östlichen Honigbiene Apis cerana, noch einmal genauer nachschauen. Wenn wir hierbei vielversprechende Ergebnisse erhalten, wollen wir anschließend versuchen, die Gene zu identifizieren, die diese positiven Eigenschaften beeinflussen.

■ Welche Rolle spielen dabei die Bienenviren?
Eine zentrale. Wir wollen uns auch Resistenzfaktoren gegen Viren anschauen, vor allem gegen das Flügeldeformationsvirus. Wir interessieren uns für die Frage, warum die Kombination aus Varroa und Flügeldeformationsvirus für unsere Bienen so gefährlich ist. Vielleicht gibt es die Möglichkeit einer gezielten Zucht von Bienen, die mit den Viren besser zurechtkommen.

■ Sie konzentrieren sich auf die Bienenkrankheiten. Sicherlich wird die Frage aufkommen, warum Sie sich nicht mit dem Einfluss der Landwirtschaft auf die Bienengesundheit auseinandersetzen.
Ja, Naturschützer haben bereits angefragt, warum wir uns nicht mit den wirklichen Problemen, nämlich den Auswirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf Bienen beschäftigen. Dieses Thema hatte die EU bei der Ausschreibung für die Einreichung von Projektanträgen aber nicht vorgesehen. Natürlich gibt es auch Bienenschäden durch Pflanzenschutzmittel, ich denke aber, dass die Ausrichtung des Projektes absolut gerechtfertigt ist: Schließlich sind die Varroose und Viren ganz zentrale Ursachen für massenhafte Völkerverluste – nicht nur in Europa.

■ Wie werden die Ergebnisse des Projektes den Imkern zugutekommen?
Die Überführung der wissenschaftlichen Ergebnisse in die Praxis ist ein ganz wichtiger Teil von Smartbees. Die Ergebnisse müssen von den Imkern verstanden, akzeptiert und schließlich angewandt werden. Hierfür sollen durch Spezialisten auf diesem Gebiet neue Kommunikationskonzepte entworfen werden. Dazu wollen wir Lernmodule für ganz Europa entwickeln, wobei die Besonderheiten der jeweiligen Länder berücksichtigt werden müssen. In verschiedenen Ländern wird es öffentliche Veranstaltungen geben, zu denen auch Referenten aus dem Ausland eingeladen werden. Außerdem wird die Datenbank beebreed.eu für alle Rassen in allen Ländern Europas zur Verfügung stehen.

■ Wie lange dauert das Forschungsprojekt?
Vier Jahre. Innerhalb dieser Zeit werden wir sicherlich nicht alle Probleme lösen können, es werden am Ende aber wichtige Ergebnisse vorliegen, auf denen man weiter aufbauen kann. Wir gehen davon aus, dass zum Projektende die Strukturen und das grundlegende Wissen in allen Ländern vorhanden sein werden. Die gesetzten Keimlinge sollten dann in der Lage sein, zu wachsen und sich zu verselbstständigen. Es interessieren sich bereits Kollegen aus anderen Ländern für das Projekt, sie wollen sich diesem gerne anschließen. Das Ganze verläuft ein wenig nach dem Schneeballsystem. Somit hat das Projekt das Potenzial, sich zu einer Plattform zu entwickeln, die die Bienenhaltung in Europa verbessert.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Sebastian Spiewok.

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