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Meine abgeschminkten Jahre

10.07.2018

Straftat Honig: Die Hamburger Kauffrau; Stefanie Giesselbach, beschreibt in ihrem Buch "Meine abgeschminkten Jahre", wie sie durch die betrügerischen Machenschaften ihres Arbeitgebers in den USA im Gefängnis landete - und was sie dort erlebt hat. Im Interview spricht sie über den weltweiten Honighandel und die Tricks der Branche.

Stefanie Giesselbach ist 28, als ein Traum für sie wahr wird: Ihr Arbeitgeber, die Alfred L. Wolff GmbH, bietet ihr einen Job in Chicago an. Dort soll sie das Honiggeschäft des Hamburger Unternehmens leiten. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet sie bereits knapp sieben Jahre in der Hamburger Firma und kennt sich mit Honig bestens aus. Was ihr vor der Reise nicht klar ist: Die amerikanische Tochterfirma ist in illegale Machenschaften verstrickt.

Die Firma deklariert chinesischen Honig um. Damit werden die hohen Strafzölle umgangen, mit denen die Amerikaner den inländischen Markt schützen wollen. Giesselbach spricht ihren Chef auf die Praktiken an, dringt aber nicht durch.

Als der Betrug kurz darauf auffliegt, landen die führenden Köpfe der Firma auf den Fahndungslisten von Interpol – werden jedoch, da sie sich in Deutschland befinden, nicht belangt. Sie arbeiten zum Teil heute noch in vergleichbaren Positionen. Giesselbach und ihr Vorgesetzter werden verurteilt, die junge Frau muss jedoch als einzige Beschuldigte ins Gefängnis. Während die Ermittlungen laufen, darf sie die USA viereinhalb Jahre nicht verlassen, steht zeitweilig unter Hausarrest und muss eine elektronische Fußfessel tragen.

Über ihre Erfahrungen im amerikanischen Frauenknast hat die heute 38-Jährige ein packendes Buch geschrieben.

dbj: Frau Giesselbach, Ihre Arbeit im Honighandel hat Sie insgesamt fünfeinhalb Jahre Ihres Lebens gekostet. Sie haben Ihre Strafe verbüßt, während Ihre ehemaligen Arbeitgeber zwar noch gesucht werden, aber nicht verurteilt wurden. Hegen Sie Groll?

Giesselbach: Nicht der Honighandel hat mich fünfeinhalb Jahre meines Lebens gekostet, sondern mein ehemaliger Arbeitgeber. Hinzu kommt, dass die US-Behörden unheimlich langsam ermittelt haben und keiner der Verantwortlichen in Deutschland greifbar war oder ist. Ich bin viereinhalb Jahre von den amerikanischen Behörden festgehalten worden - erst danach wurde ich zu einer Haftstrafe verurteilt. In dieser Zeit muss man sich fragen: Lasse ich es zu, dass Hass- und Rachegedanken mich auffressen? Oder konzentriere ich mich darauf, seelisch unbeschadet aus der Situation herauszukommen? Das bedeutet, nach vorne zu schauen und zu versuchen, das Beste aus der Sache zu machen. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Die sieben ehemaligen Kollegen, die heute per Interpol gesucht werden, kommen nicht in meinen Gedanken vor.

dbj: Wann haben Sie von den illegalen Machenschaften erfahren und wie haben Sie reagiert? Giesselbach: Als ich in Chicago gearbeitet habe, sind Dokumentensätze auch über meinen Schreibtisch gegangen. Äußerlich war alles einwandfrei, in Wahrheit hat es sich um Umverschiffungen gehandelt. Ich wäre zu keinem Zeitpunkt auf die Idee gekommen, mich an die amerikanischen Behörden zu wenden. Stattdessen habe ich intern das Gespräch mit dem deutschen Firmeninhaber gesucht.

dbj: In Deutschland hätte man Sie vermutlich wegen Beihilfe belangt, vielleicht auch nur als Zeugin vernommen. Was ist am amerikanischen Rechtssystem anders?

Giesselbach: Wer in einem Bundesgefängnis sitzt, ist in der Regel einer "Verschwörung mit dem Ziel ..." angeklagt und verurteilt worden. Im Englischen: Conspiracy. Angenommen ein Freund sagt Ihnen: "Morgen werde ich die Bank in der Innenstadt überfallen." In dem Moment werden Sie nach amerikanischem Recht Teil einer Verschwörung. Sie sind dann verpflichtet, sich bei den Behörden zu melden und die mögliche Straftat anzuzeigen. Tun Sie es nicht, kann Ihr Freund später bei der Vernehmung die Schuld auf Sie schieben und sagen: "Wieso? Freundin A wusste doch von meinem Plan." Sie werden dann aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls angeklagt. Sie "wussten" es ja. Unter dem Deckmantel der Verschwörung kann man so ziemlich jeden ins Gefängnis bringen. Anders ist auch, dass man in der Regel kein gerechtes Verfahren erhält. In keinem anderen Land der Welt sitzen so viele Menschen im Gefängnis. Es ist ein Geschäft, an dem in erster Linie Gefängnisse und Kommunen sowie US-Strafverteidiger verdienen, während die Gerichte hoffnungslos überlastet sind. Der Staatsanwalt verfügt in den USA über eine viel größere Macht als in Deutschland. Beweise, die die Unschuld belegen würden, darf er zurückhalten. Dem Angeklagten werden dann absurd hohe Strafen angedroht, damit er oder sie am Ende schnell einlenkt und einen schmutzigen Hinterzimmerdeal akzeptiert. Das hat nichts mehr mit Rechtsstaatlichkeit zu tun.

dbj: In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie am Flughafen von Chicago in aller Öffentlichkeit verhaftet wurden. Was war das für ein Gefühl?

Giesselbach: Ich habe zwischen "Das kann doch nicht sein!" über "Was wollen die von mir?" bis zu "Oh Gott, ist das peinlich" alle Gefühle durchlebt.

dbj: Essen Sie heute noch Honig- und wenn ja, welchen besonders gern?

Giesselbach: Ich habe nie aufgehört, Honig zu essen. Ich kaufe sowohl Honig von deutschen Imkern als auch Sortenhonige aus dem Ausland wie etwa spanische Orangenblüte, Mexiko Hochland oder osteuropäische Akazie.
dbj: Wegen welcher Delikte saßen Ihre Mitgefangenen?

Giesselbach: Es ging um Mord, Beschaffungskriminalität um den Drogenkonsum zu finanzieren, Vertrieb, Herstellung und Konsum von Drogen. Manche Frauen hatten Männer gedeckt, die sich an ihren Kindern vergangen haben. Es waren drakonische Strafen, die die Frauen größtenteils absitzen mussten. Gemessen an der Schwere der Straftat waren sie teilweise unerklärlich. In anderen Fällen fiel es mir schwer zu begreifen, dass ich - meine Strafe war die niedrigste von allen – nun mit Frauen einsaß, die für einen dreifachen Mord knapp an der Todesstrafe vorbeigeschrammt waren und deren Urteil dreimal lebenslänglich lautete. Anders als bei uns bedeutet das tatsächlich ein Leben lang.

dbj: Was hat Sie in dieser Zeit am meisten beeindruckt?

Giesselbach: In den viereinhalb Jahren, in denen ich in Amerika festsaß, haben mich am meisten meine amerikanischen Freunde beeindruckt: herzlich, großzügig und selbstlos. Auch im Gefängnis gab es trotz allem Solidarität, Freundschaften und Wärme unter den Frauen. Man redet, lacht und hat auch mal Spaß. Die Frauen lieben es, Geburtstage zu feiern. Tage im Voraus wird geplant, was es zu essen gibt, wer was organisiert, wie der Raum mit einfachsten Mitteln geschmückt wird. Und dann machen sich die Frauen zurecht. Obwohl sie im Gefängnis sitzen, möchten sie schön aussehen. Viele der Insassinnen sind sehr kreativ. Draußen haben sie jedoch keine Möglichkeit gefunden, ihre Talente legal zu Geld zu machen.

dbj: Die Firma, für die Sie gearbeitet haben, gibt es nicht mehr – aber fast das gesamte Team arbeitet für die Nachfolgefirma. Haben Sie noch Kontakt?

Giesselbach: Nein.

dbj: Glauben Sie, dass sich durch die Verurteilung von Ihnen und Ihrem Kollegen an den Handelspraktiken des Honigmarktes etwas geändert hat?

Giesselbach: Hier muss man klar zwischen Europa und den USA unterscheiden. Europa hat eine Honigverordnung – Amerika bewusst nicht. Die Amerikaner haben eine andere Mentalität: Hauptsache der Honig ist billig und in großen Mengen verfügbar. Europäer legen grundsätzlich viel mehr Wert auf Qualität, die Deutschen sind hier federführend. Deutscher Imkerhonig wird sehr geschätzt, aber auch die Importhonige werden umfangreich untersucht. Ich glaube nicht, dass sich der Honigmarkt in den USA aufgrund unserer Verurteilung geändert hat. Beim sogenannten Honeygate ging es den Amerikanern, ähnlich wie im VW-Skandal, in erster Linie immer nur um Geld und nicht ernsthaft darum, das Produkt als solches zu verbessern, sicherer zu machen. In Europa hingegen hat der Analysenumfang weiter zugenommen.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Das Buch "Meine abgeschminkten Jahre" erhalten Sie auch in unserem Buchshop >>>


Produktinformationen
Autor: Stefanie Giesselbach, Irene Stratenwerth
Verlag: Piper Paperback
Umfang: 352 Seiten
Einband: Broschiert
ISBN: 978-3492060585

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