Ist Pflanzenschutz immer bienengefährlich?

23. März 2020

Heiner Schulte ist Landwirt und berät die Mitglieder einer landwirtschaftlichen Genossenschaft im Pflanzenschutz. Im Interview erklärt er, welche Rolle der Bienenschutz in der Praxis spielt, was sich ändern muss und wie die Imker ins Spiel kommen. Im Zentrum steht die Frage, ob Pflanzenschutz immer bienengefährlich sein muss.

Wo kommt der gewöhnliche Landwirt mit dem Thema Bienenschutz in Berührung?

Heiner Schulte: Das Thema wird bereits in der Ausbildung vermittelt. Wenn dort die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln durchgenommen wird, geht es auch um den Bienenschutz. Daneben gibt es noch den Sachkundenachweis im Pflanzenschutz. Der ist Pflicht für alle Landwirte, die Pflanzenschutzmittel anwenden. Ein Bestandteil des Sachkundenachweises ist der Bienenschutz.

Werden alle Landwirte ähnlich umfangreich zu dem Thema fortgebildet?

Ausgabe 12/2020

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Schulte: Der Sachkundenachweis ist bundeseinheitlich geregelt. Die Landwirte sind verpflichtet, den Nachweis spätestens alle drei Jahren mit einer Fortbildungsveranstaltung aufzufrischen. Übrigens steht ein solcher Kurs auch Imkern offen. Sie können sich also über den dort vermittelten Sachstand informieren.

Ist also alles prima, was die Aus- und Fortbildung der Landwirte betrifft?

Schulte: Nein, wir müssen die Didaktik verbessern. In Nordrhein-Westfalen besteht der Sachkundenachweis aus einer vierstündigen Fortbildung. Nach spätestens einer Stunde liegt die Aufmerksamkeit brach. Dabei werden viele wichtige Informationen vermittelt. Besser wäre es, wenn man in Modulen zweimal im Jahr jeweils eine Stunde in der Praxis fortgebildet würde – und nicht über vier Stunden im engen Saal.

„Wir bräuchten Warnhinweise wie auf Zigarettenschachteln“

Sind Mischungen verschiedener Pestizide ein Thema?

Schulte: Ja, gerade in den letzten Jahren hat es neue Erkenntnisse gegeben, die wir auch an die Landwirte herantragen. Aus der Mischung eigentlich bienenungefährlicher Pflanzenschutzmittel kann schnell eine für Bienen hochgefährliche Substanz werden. Auch die Industrie scheint diesbezüglich sensibler geworden zu sein.

Stimmt es, dass Landwirte von der Industrie mit unnötigen Empfehlungen für die Praxis regelrecht zugefaxt werden?

Schulte: Es gibt schon eine Menge Empfehlungen für die Praxis, die ich nicht unterschreiben würde. Aber die kommen nicht nur von der Industrie. Die Materie ist über die Zeit komplexer geworden. Die Landwirte sehen sich mit einer unübersichtlichen Produktpalette konfrontiert, bei zum Teil gleichen Wirkstoffen in den Produkten. Bei allen Empfehlungen: Der Landwirt muss die Informationen schon selbst filtern. Das ist nicht immer einfach.

Pflanzenschutz bienengefährlich
Heiner Schulte

Kommt es dann zu Fehlanwendungen?

Schulte: Ich sehe die Gefahr weniger in falschen Empfehlungen, die die Landwirte über Infobriefe erhalten. Eindeutig verbesserungswürdig ist aber die Kennzeichnung der Pflanzenschutzmittel. Die Beipackzettel auf den Kanistern sind eher unübersichtlich. Es müsste auch deutlicher auf die Risiken einer Anwendung hingewiesen werden: Wir bräuchten Warnhinweise wie auf Zigarettenschachteln. Ich glaube nicht, dass das die Landwirte vom Kauf abschrecken würde. Die Bauern kommen gerne wieder, wenn sie sich gut beraten fühlen.

Sehen die Landwirte den Aufwand für den Bienenschutz eher kritisch?

Schulte: Nein, die Landwirte sind sensibilisiert, was das Thema Bienenschutz angeht. In der Beratung weisen wir immer auf das Thema hin. Auch die Offizialberatung – in Nordrhein-Westfalen durch die Landwirtschaftskammern – hat in den letzten Jahren den Bienenschutz stärker thematisiert.

„Imker sollten den direkteren Kontakt zu den Landwirten suchen“

Was können die Imker aus Ihrer Sicht tun?

Schulte: Die Imker sollten den Kontakt zur Landwirtschaftskammer und den landwirtschaftlichen Orts- und Kreisverbänden suchen. Ganz wichtig ist aber der Kontakt auf Ortsebene, denn nur so können sich die Betroffenen in die Augen schauen. Zum Beispiel kann man Vertreter der Landwirte zu einer Imkervereinssitzung einladen und umgekehrt. In unserer Gegend wird das zum Teil seit ein paar Jahren sehr erfolgreich praktiziert. Über die landwirtschaftlichen Ortsvereine können Sie aber auch herausfinden, welchem Landwirt ein bestimmtes Feld gehört, wenn Sie einen direkteren Kontakt suchen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Malte Frerick.



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