Ein Interview als Sternstunde

Ein Kommentar von Bienen-Journal Chefredakteurin Silke Beckedorf

In der Redaktion einer Imkerzeitschrift hat man recht oft spannende Begegnungen. Aber manche sind besonders beeindruckend. Mir ging es so mit Alfred Emmerer, dem „vermutlich dienstältesten Imker Deutschlands“. Wir können nicht beweisen, dass er der offizielle Träger dieses Titels ist, dazu müssten wir Aufrufe in allen Tageszeitungen starten. Und selbst dann könnte es ja sein, dass irgendwo ein Imker wohnt, der noch länger Bienen hält, aber keine Zeitung liest.

Der 94-jährige Emmerer lebt in Fußdistanz des Tegernsees. Seit 84 Jahren hält der Urbayer Bienen, und wer zurückrechnet, wird leicht darauf kommen, dass er in schwierigen Zeiten mit der Imkerei begonnen hat. Wir stießen auf Emmerer im Nachklang zum Beitrag „Geräuschlos gleichgeschaltet“, in dem es im Novemberheft 2019 um die leider nicht allzu rühmliche Geschichte des Deutschen Imkerbundes im Dritten Reich ging. Als der Beitrag erschienen war, erhielten wir etliche Reaktionen. Eine kam aus Oberbayern: Ein Leser berichtete uns, aus seinem Wohnort – Miesbach – stamme ein Imker, dem ein jüdischer Kaufmann – Josef Freundlich war sein Name – ein Bienenvolk geschenkt habe, bevor er 1936 Deutschland in Richtung Palästina verlies. 

Alfred Emmerer
Alfred Emmerer (Foto: Thomas-Cojaniz)

Mein Interesse an dem Mann, der als knapp zehnjähriger Junge sein erstes Bienenvolk von dem passionierten Imker Freundlich erhalten hatte, war geweckt. Mit einiger Verzögerung (Corona) stieg ich Ende Juni in den Dienstwagen des Bauernverlages und fuhr die rund 600 Kilometer vom platten Berlin an den von Bergen (für Bayern wohl eher Hügeln) umrahmten Tegernsee. Dort traf ich auf Alfred Emmerer, und ich war von der ersten Minute an tief beeindruckt von diesem Zeitzeugen, der über achteinhalb Dekaden als Imker praktiziert hat und mit präzisem Gedächtnis auf eine wechselvolle Zeitgeschichte zurückblicken kann. Emmerers Vater wurde politisch verfolgt und war zeitweilig im KZ Dachau inhaftiert, er selbst wurde 1944, noch 16-jährig, an die Front geschickt. Nach dem Krieg studierte er Elektrotechnik am Polytechnikum in München. Zwischen all diesen Ereignissen baute sich Emmerer seine Imkerei auf. Noch heute betreut er sieben Bienenvölker, die in einem Bienenhaus in einer kleinen Talsenke am Fuße der Alpen leben. Er hält sie in Trogbeuten, bestückt mit Rähmchen in Deutsch Normalmaß, und führt akribisch Buch über Milbenfall und Honigernte.

Einen ganzen Tag saß ich mit Emmerer im Garten des Bienenhauses und hörte ihm zu, wie er von seiner Überraschung berichtete, als das Bienenvolk vollkommen unerwartet vor ihm stand. Wie sein aus dem KZ entlassener Vater und er das Bienenvolk auf die Schnelle im Bienenhaus des Vermieters unterbrachten, bevor es zum Onkel ins Chiemgau kam. Wie sein Vater und er beim Bau des eigenen Bienenhauses von den Nazis behindert wurden und wie er bereits mit 14 zum aktiven Züchter wurde – mit Königinnen von Guido Sklenar. Ich hätte ihm noch sehr viel länger zuhören und Fragen stellen können, aber dann kam doch die Zeit für die Rückreise. Sieben Stunden, mit Pausen, aber ohne größere Staus. Dank einiger Hörspiele ging die Zeit schnell herum.

Nun freue ich mich, dass in der Oktoberausgabe das ausführliche Interview mit Alfred Emmerer erscheint. Es zählt für mich zu den Sternstunden meiner Arbeit in der Redaktion, und es würde mich freuen, wenn dieses Interview auch Sie berührt. Wenn es Ihnen gefällt, schreiben Sie uns doch ein paar Worte dazu! Und wenn Sie einen noch „dienstälteren“ Imker kennen, der auch eine spannende Geschichte zu erzählen hat, dann schreiben Sie uns ebenfalls – auf die besten Geschichten stoßen wir durch Sie, liebe Leser!

Ihre Silke Beckedorf

Den ganzen Artikel über Alfred Emmerer lesen Sie in der aktuellen Oktober Ausgabe des Bienen-Journals

Ausgabe 10/2021

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