Alfred Emmerer: Der wohl dienstälteste Imker Deutschlands erzählt

21. September 2020

Es gibt Grund zur Vorfreude: In der Oktoberausgabe des Deutschen Bienen-Journals erscheint das Interview mit Alfred Emmerer – dem vermutlich dienstältesten Imker Deutschlands. Seit 84 Jahren hält der in Miesbach geborene Oberbayer eigene Bienen. Beeindruckend ist nicht nur der Schatz an Imkerwissen, den der gerade noch 93-jährige bereithält. Die Geschichte, wie Emmerer zu seinem ersten Bienenvolk kam, ist ebenso spannend: Sie ist eng mit den Wirren des zweiten Weltkriegs verbunden und hat uns in der Redaktion sehr berührt. Freuen Sie sich mit uns auf eine echte Perle imkerlicher Zeitgeschichte!

Das Interview mit Alfred Emmerer haben wir im Juni in seinem Bienenhaus bei Miesbach geführt, rund 15 Kilometer vom Tegernsee entfernt. Jetzt, im August, verriet er uns am Telefon, wie seine 85. Imkersaison gelaufen ist.

Ein Interview mit dem ältesten Imker Deutschlands

Herr Emmerer, wie geht es Ihnen und Ihren Bienen?

Emmerer: Danke, es geht mir gut. Die Saison war allerdings sehr ungewöhnlich. So wenig Honig wie in diesem Jahr habe ich kaum jemals geerntet. Ich zeichne die Ergebnisse jedes einzelnen Volkes seit 1947 kontinuierlich auf und kann daher genau sagen, wie viel Honig ich im Durchschnitt pro Jahr geerntet habe. Heuer war eins der schlechtesten Jahre meiner ganzen Zeit als Imker. Ich habe von meinen sieben Völkern insgesamt nur rund zweieinhalb Zentner geerntet, das sind etwa 125 kg oder 18 kg pro Volk.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Emmerer: Ich beobachte schon seit längerem, dass sich die Löwenzahnblüte immer weiter nach vorn verschiebt. Bei uns ist das die erste wichtige Tracht im Frühjahr. So nah an den Alpen startet die Bienensaison normalerweise recht spät. Früher habe ich als Start der Vollblüte häufig den 13. Juni notiert. Für die Honigernte ist das gut, weil die Bienenvölker dann bereits stark entwickelt sind. Nun zieht sich die Blüte durch die Klimaveränderung immer weiter nach vorn. In diesem Jahr habe ich die ersten Löwenzahnblüten bereits am 3. April beobachtet. Die Völker sind dann noch nicht so weit, sie können die Tracht noch gar nicht nutzen!

Ausgabe 10/2021

DBJ_10_2021

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Holen die Bienen das nicht im Laufe des Sommers auf? 

Emmerer: Ab Mai hat bei uns eine Trockenperiode eingesetzt. Von der der ersten Ernte haben die Bienen also einen großen Teil selbst wieder aufgezehrt. Am 10. Juni habe ich zum ersten Mal geschleudert, und das war die einzige nennenswerte Ernte in diesem Jahr. Meist haben wir im Spätsommer noch eine gute Waldtracht, aber damit war es in diesem Jahr auch nichts. Einige Starkregen haben die Honigtauerzeuger weggespült. Der Honig der zweiten Schleuderung am 10. August war fast genauso hell wie der der ersten. Alles Pflanzennektar, kaum Waldtracht.

Nun steht bei Ihnen die Fütterung an?

Emmerer: Ich füttere mit einer Mischung aus Wasser und Zucker im Verhältnis 1:1, dazu gebe ich mindestens ein Pfund Honig – für den Geschmack sozusagen. Manchmal finden die Bienen draußen noch Springkraut, oder der Wald honigt noch. Schleudern kann man natürlich nicht mehr, wenn einmal gefüttert wurde. Den Zeitpunkt für die letzte Ernte muss man gut abschätzen. Bei mir liegt er meist um den 10. August, danach wird gefüttert. Da ich die Bienenvölker gut isoliere und über Winter recht eng halte, benötigen sie nicht so viel Futter, im Schnitt meist 13 bis 15 Pfund pro Volk.

Trogbeuten mit viel Sicht

Sie halten Ihre Bienen im Bienenhaus in Trogbeuten, die hinten ein Türchen haben. Öffnet man diese Tür, sieht man das Bienenvolk hinter einem Glasfensterchen sitzen. Im Herbst öffnen Sie die Türen, sodass Licht ins Bienenvolk fällt. Wozu?

Emmerer: Wissen Sie, vor rund 25 Jahren ist mir einmal ein Bienenvolk verhungert, und zwar direkt neben gut gefüllten Futterwaben. In meine Trogbeuten passen 14 Brutwaben im Deutsch Normalmaß, aber anders als bei Magazinimkern hängen sie hintereinander. Das Volk sitzt im Spätsommer meist mittig in der Beute, das Futter lagert also vor und hinter dem Brutnest. Wenn die Brut im Winter langsam ausläuft, wandert das Volk dem Futtervorrat hinterher. In besagtem Jahr ist das Volk nach vorn in Richtung Flugloch gezogen. Der Winter war kalt, und als die Vorräte im Januar/Februar vorn am Flugloch zur Neige gingen, haben die Bienen die leergefressenen Waben nicht überbrückt. Sie sind in unmittelbarer Nähe der vollen Futterwaben verhungert.

Seither öffne ich im Herbst die äußeren Holztürchen der Beuten. Die Bienen reagieren auf das Licht, indem sie das Futter nach vorn in die leergefressenen Zellen umtragen. Ich kann dann die leeren Waben von hinten leicht entnehmen. So bleibt das Volk im Winter kompakt und sitzt immer in der Nähe gefüllter Futterwaben. Seither ist mir nie wieder ein Volk verhungert.

Alfred Emmerer ältester Imker Deutschlands
Alfred Emmerer vor einer seiner Trogbeuten. Foto: Thomas Cojaniz

Das Sichtfensterchen schätzen Sie sehr.

Emmerer: Ich würde keine Bienenzucht betreiben, wenn ich nicht den Kasten mit Fenster hätte! So kann ich immer sehen, was los ist. Außen hängt im Frühjahr und Sommer der Baurahmen, ich sehe also sofort, ob sie bauen und wie stark das Volk ist. Im Winter kann ich damit den Futterstand kontrollieren. Das ist wirklich praktisch.

Das Bienenhaus haben Sie gemeinsam mit Ihrem Vater Anfang der 1940er Jahre gebaut. Nutzen Sie immer noch die Originalbeuten?

Emmerer: Das erste Bienenvolk, das ich 1936 geschenkt bekam, saß in einem Blätterstock. Mein Onkel hat es damals ins große Hoffmannmaß umgesetzt. Als ich zusammen mit meinem Vater das Bienenhaus gebaut habe, haben wir uns Trogbeuten im kleinen Hoffmannmaß anfertigen lassen. Ich fand das Maß aber unpraktisch und habe auf Deutsch Normalmaß umgestellt. Das ging in denselben Beuten: Deutsch Normalmaß ist genauso breit wie Hoffmann, nur vier Zentimeter flacher. Den zusätzlichen Raum habe ich genutzt, um einen Zwischenboden einzuziehen, mit Gitter, sodass man das Gemüll überwachen kann. Die original Trogbeuten aus den 40er-Jahren sind das aber nicht mehr. In den 1970er Jahren habe ich neue Beuten anfertigen lassen. Die nutze ich bis heute.

Noch immer sanftmütige Bienen und kein Schutz

Wenn man an Ihrem Bienenhaus steht, fällt auf, dass die Bienen recht sanftmütig sind und Sie keine Schutzkleidung tragen. Selektieren Sie auf Sanftmut?

Emmerer: Ich achte bei der Zucht vor allem auf die Honigleistung. Nachgezogen werden Königinnen aus Völkern, die eine gute Vorjahresleistung hatten. Aber sanftmütig sollten sie natürlich auch sein, weil ich ohne Schutzkleidung arbeite. Das habe ich von Anfang an so gemacht. In den 84 Jahren mit Bienen habe ich vielleicht zehn Mal ein Kopfsieb aufgehabt, und dass war dann, wenn ich einen Schwarm aus einem hohen Baum gefangen habe oder in einer ähnlichen Situation. Im Sommer arbeite ich immer in kurzen Hosen. Das letzte Mal, dass ich einen Schleier aufhatte, ist bestimmt 15 Jahre her. Es hängt einer im Bienenhaus, aber der ist nur für Besucher.

Werden Sie häufig gestochen?

Emmerer: Dann und wann sticht schon mal eine. Ich imkere ohne Handschuhe, also kommt das natürlich schon mal vor, bei unsicherer Witterung, oder wenn ich die Bienen beim Arbeiten versehentlich zwicke oder drücke. Ich ziehe den Stachel heraus, mache etwas Speichel drauf und vergesse die Sache sofort wieder.

Sie haben sofort nach Ihrem Einstieg in die Imkerei auch mit der Zucht begonnen, oder?

Emmerer: Ja, unser Verein hatte direkten Kontakt zu Guido Sklenar, das war natürlich eine gute Gelegenheit. Ich habe 1942 einen einwöchigen Kurs an der Imkerschule Weihenstephan gemacht, da ging es auch um Zucht. Danach habe ich direkt mit der Zuchtarbeit begonnen und mir nach dem Krieg sogar mein Studium über den Verkauf von Königinnen mitfinanziert. Die ganze Zeit über habe ich Standbegattung gemacht. Zeitweise habe ich auch Belegstellen besucht, aber das mache ich heute nicht mehr. Ich selektiere selbst und kaufe ab und an Königinnen dazu, zum Beispiel von der Belegstelle Sonnwendjoch, um Inzucht zu vermeiden. Das klappt sehr gut. Wie Sie sehen, sind die Bienen sanftmütig, und schwarmlustig sind meine Völker nur äußerst selten.

Herr Emmerer, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihren Bienen alles Gute!

Die Fragen stellte Silke Beckedorf.

Die Oktoberausgabe des Deutschen Bienen-Journals erscheint am 26. September. Ab 24. September ist die Ausgabe bereits als E-Mag erhätlich.

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