Kommt die Genbiene?

21. Januar 2021

„Schützt die Biene vor Gentechnik“, lautet die Forderung einer aktuellen Petition der Aurelia-Stiftung. Werden hier bloß alte Szenarien durchgespielt, oder wird es bald genmanipulierte Bienen geben? Wir sprachen mit dem Projektleiter der Petition, Bernd Rodekohr, über die Genbiene.

2015 berichteten wir im dbj von der Möglichkeit der Erschaffung einer insektizidresistenten Biene durch die Agrarindustrie. Damals waren das noch theoretische Überlegungen. Ist es nun so weit?

Rodekohr: Noch nicht, aber die Forschungen sind inzwischen über das Stadium rein theoretischer Überlegungen hinausgewachsen. Dazu verfolgen Forscherteams weltweit unterschiedliche Ansätze. Koreanische Wissenschaftler haben dazu im Labor einen Rezeptor für das bienengefährliche Insektizid Spinosad ausgeschaltet. Ziel ist eine Spinosadresistenz. Zum anderen haben sich Forscher der Universität Austin, Texas, letztes Jahr ein Verfahren patentieren lassen, das Pestizidresistenz bei Bienen indirekt, durch gentechnisch veränderte Bakterien, erzeugen soll. Auch dieses Verfahren ist im Laborstadium.

Ausgabe 06/2021

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Genbiene: Nur ein Phantom?

Kritiker meinen, dass die Gentechnik-Branche stets mehr verspricht als sie hinterher umsetzt, um Kapital anzuziehen. Haben wir es bei der Genbiene nicht mit einem Phantom zu tun?

Kritisiert werden die vollmundigen Versprechungen der Gentechnikindustrie, Auswirkungen des Klimawandels und den Welthunger bekämpfen zu können und schädlingsresistente Wunderpflanzen zu erzeugen. Solche Wunderpflanzen verspricht uns die Gentechnik seit Jahrzehnten. Doch obwohl in den USA und in Südamerika Genpflanzen in großem Stil angebaut werden, haben sie statt Lösungen neue Probleme gebracht: Der Einsatz von Spritzmitteln steigt; immer giftigere Pestizide werden benötigt, um Superunkräuter und Schädlinge zu kontrollieren. Auch bei der Genbiene wäre das nicht anders.

Wäre es nicht zu begrüßen, wenn Bienen durch Erfindungen von Gentechnikfirmen besser mit Pestiziden oder Krankheiten zurechtkommen? Welche Szenarien fürchten Sie?

Das Gefährliche an Ansätzen wie der pestizidresistenten Biene ist, dass damit eine pestizidbasierte, bienenschädliche Landwirtschaft weiter aufrechterhalten werden soll und dass Wildbienen und das Ökosystem weiter ungeschützt Pestiziden ausgesetzt wären. Auch bei der Bekämpfung von Bienenkrankheiten kann man davon ausgehen, dass sich schnell Resistenzen bilden werden. Selbst gentechnikfreundliche Wissenschaftler wie der Zoologe Robert Paxton von der Universität Halle sagen, dass es wohl ein Wettrüsten zwischen Biene und Schädling bleiben würde. Ein Wettrüsten, bei dem immer neue Produkte der Gentechnikindustrie immer stärkere Abhängigkeiten – auch für Imker – schaffen würden.

Genbiene als Chance?

Viele Forscherinnen und Forscher und sogar Teile der Grünen plädieren für eine Öffnung der Politik für die sogenannte neue Gentechnik mit dem Argument, diese berge große Chancen und das Umweltrisiko sei vergleichbar mit der konventionellen Zucht. Warum sollten so viele Menschen die genannten Risiken verkennen?

Nur eine verschwindend kleine, aber laute Minderheit bei den Grünen sieht die Zukunft der Landwirtschaft in der Gentechnik. Der Parteitagsbeschluss der Grünen zur Gentechnik ist eindeutig: Für die Agro-Gentechnik soll es weiterhin Risikoprüfungen, strenge Regulierungen und Zulassungsverfahren auf Basis des Vorsorgeprinzips der EU geben. Auch viele Forscherinnen und Forscher sehen die Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft kritisch. Man darf nicht vergessen, dass gerade die Wissenschaftler, die besonders laut und aggressiv mehr Gentechnik fordern, nicht frei von Interessen sind.

Welche konkreten Ziele wollen Sie mit der Petition durchsetzen?

Mit der neuen Gentechnik kann viel tiefer ins Genom eingegriffen werden als bisher. Daher müssen ihre Auswirkungen auf das Ökosystem vor einer Freisetzung weiterhin durch strenge Risikoprüfungen untersucht werden. Gerade jetzt ist es wichtig, sich dafür einzusetzen, weil die EU-Kommission schon im April 2021 entscheiden will, ob die neue Gentechnik auch künftig unter das strenge europäische Gentechnikrecht fallen soll.

Das Grundsatzurteil des Europäischen Gerichtshofs zur rechtlichen Gleichstellung der sogenannten neuen und alten Gentechnik darf nicht dereguliert werden. Zudem muss Gentechnik auch künftig als solche auf Lebensmitteln gekennzeichnet werden. Durch Lobbyarbeit in Brüssel möchte die Industrie diese Kennzeichnungspflicht abschaffen. Auch fordern wir, dass sich die Bundesregierung für ein weltweites Moratorium bei der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen einsetzt, die mit der Gene-Drive-Methode erzeugt wurden. Die Methode hebelt die natürlichen Vererbungsregeln aus und ist in der Lage, komplette Arten auszulöschen.

EU-Kommission gefragt

Das Europäische Parlament hat sich für ein globales Moratorium dieser Gentechnologie ausgesprochen. Es ist nun an der EU-Kommission und der Bundesregierung in ihrer Rolle als EU-Ratsvorsitzende, ob sie der Empfehlung des Europaparlaments folgen und ein vorläufiges Freisetzungsverbot von Gene-Drive-Organismen auf die internationale Agenda setzen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Die Fragen stellte Malte Frerick.

Alle Informationen zur Petition finden Sie hier>>>

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