Erfolgreich Bienen züchten: Ein Experte berichtet

28. Februar 2022

Beim Bienen züchten geht es vorrangig um die Bienenköniginnen. Aber wie läuft erfolgreiche Bienenzucht ab? Welche Kriterien sind dafür wichtig? Und was macht einen guten Züchter und gute Zuchtköniginnen aus? Fragen und Antworten im Überblick.

Beim Stichwort „Bienen züchten“ denken Laien oftmals einfach an Bienen halten. Imker hingegen wissen, dass damit das gezielte Züchten von Bienenköniginnen hinsichtlich bestimmten Kriterien gemeint ist. Doch welche sind das und wie kann man die Situation des Bienen züchtens in Deutschland derzeit beschreiben? Die DBJ-Redaktion hat mit Friedrich Karl Tiesler, Beirat für Zuchtwesen des Deutschen Imkerbunds, über den Zuchtfortschritt und das wichtigste Zuchtmerkmal gesprochen.

Bienen züchten: Leistung, Friedfertigkeit, Schwarmneigung und Widerstandsfähigkeit sind wichtig

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DBJ Ausgabe 10/2022

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DBJ: Welchen Vorteil bieten Zuchtköniginnen?

Tiesler: Zuchtköniginnen werden aus Völkern gezogen, die über viele Generationen selektiert und kontrolliert mit Drohnen aus ausgewählten Drohnenvölkern angepaart sind. Damit ist eine hohe Wahrscheinlichkeit gegeben, dass sie über eine überdurchschnittliche erbliche Veranlagung verfügen. Dann bauen sie Völker mit hohen Leistungen und guten Eigenschaften auf.

DBJ: Wie haben sich in Deutschland die Bienen durch Zucht verbessert?

Tiesler: Durch intensive Zuchtarbeit – sowohl bei der Carnica als auch bei der Buckfastbiene – haben sich Leistung und Eigenschaften der Völker erheblich verbessert. Für die im beebreed-Portal beebreed.eu erfasste deutsche Carnicapopulation konnte eine erhebliche Steigerung bei den Zuchtwerten nachgewiesen werden, also bei der genetischen Veranlagung für die wichtigen Zuchtziele. Diese sind: Leistung, Friedfertigkeit, Wabensitz, Schwarmneigung und Widerstandsfähigkeit gegenüber Varroa. Nicht von ungefähr besteht deshalb aus vielen Ländern eine ständig wachsende Nachfrage nach Zuchtköniginnen anerkannter Züchter aus Deutschland.

Bienen erfolgreich züchten: „Zucht bedeutet mehr als Vermehrung von Königinnen“

DBJ: Wie groß ist der Anteil der Bienenvölker in Deutschland, die züchterisch beeinflusst sind?

Tiesler: Jährlich werden etwa 100.000 Königinnen, Carnica und Buckfast, von Züchtern auf Beleg- oder Besamungsstellen geschickt. Bei einer Völkerzahl von etwa 1,1 Millionen Völker, gemeldete und nicht gemeldete, erscheint diese Zahl zunächst niedrig. Daneben werden aber jährlich von den Züchtern, bei Instituten und auf Prüfständen viele Tausend Larven aus geprüften Völkern abgegeben. Mit diesen lassen die Imker für ihren eigenen Bedarf Königinnen produzieren und am Stand begatten.

Da alle diese Königinnen aufgrund der Parthenogenese reine Drohnen erzeugen, erzielt man eine große Breitenwirkung und auch die vielen nicht züchtenden Imker – immerhin circa 80 Prozent – profitieren über die Jahre hinweg kostenfrei vom Zuchtfortschritt. Auf diesem Wege konnte die Landbienenpopulation in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erheblich verbessert werden. Sie zeigt heute – im Gegensatz zu früheren Zeiten – durchaus akzeptable Eigenschaften.

DBJ: Welche Voraussetzungen muss ein Züchter erfüllen?

Tiesler: Zucht bedeutet mehr als lediglich Vermehrung von Königinnen. Unter Zucht versteht man vor allem die planmäßige Selektion von Völkern nach bestimmten festgelegten Zuchtzielen. Neben praktischer Erfahrung und einem soliden Grundwissen sind dazu kontinuierliche Beobachtungen und Aufzeichnungen, wie in Stockkarten und Zuchtbuch, nach festgelegten Richtlinien und eine ausreichende Völkerzahl Voraussetzung. Um diese zu erreichen, haben sich häufig mehrere Züchter zu Züchtergemeinschaften zusammengeschlossen. Daneben gibt es Vermehrungsbetriebe, die sich von den Züchtern geprüfte Zuchtvölker beschaffen und Königinnen für den Verkauf nachziehen.

Die Anerkennung und Kontrolle von Züchtern, Züchterringen und Vermehrungsbetrieben erfolgt durch die einzelnen Imkerverbände nach den Zuchtrichtlinien des Deutschen Imkerbundes (D.I.B.) beziehungsweise der Zuchtordnung der Gemeinschaft der europäischen Buckfastzüchter (GdeB). Diese Organisationen geben die anerkannten Züchter jährlich bekannt.

Bienen züchten - Friedrich Karl Tiesler
Von Kindesbeinen an mit Bienen verbunden und seit 1987 Zuchtbeirat im D.I.B.: Friedrich Karl Tiesler beim Entnehmen von Weiseln für die künstliche Besamung. Foto: Christa Winkler

Wichtigstes Zuchtmerkmal: Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten

DBJ: Wie viele Züchter gibt es in Deutschland?

Tiesler: Nach den Zuchtrichtlinien des D.I.B. sind in den einzelnen Imker-/Landesverbänden derzeit 327 Reinzüchter, 42 Züchtergemeinschaften mit jeweils 10 bis 20 Mitgliedern und 104 Vermehrungszüchter anerkannt. Diese Zahlen gelten für die Carnica. Nach Angaben der GdeB kommen dazu in Deutschland circa 80 registrierte Züchter für die Buckfastbiene.

DBJ: Was halten Sie für das wichtigste Zuchtmerkmal?

Tiesler: Vor dem Hintergrund der jährlichen Verluste durch die Varroa und ihre Begleiterscheinungen halte ich Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten derzeit für das wichtigste Zuchtziel. Der erwerbsmäßig orientierte Imker legt natürlich großen Wert auf eine hohe Honigleistung und geringe Schwarmneigung, zumal letztere Eigenschaft während der Saison den limitierenden Faktor für die zu bewirtschaftende Völkerzahl darstellt. Für den Freizeitimker, der seine Bienen in Wohngebieten hält, ist dagegen die Friedfertigkeit häufig von existenzieller Bedeutung. So können die einzelnen bei der Selektion berücksichtigten Merkmale für einzelne Gruppen von Imkern von unterschiedlicher Bedeutung sein. In der beebreed-Datenbank sind die Zuchtwerte der einzelnen Völker für die unterschiedlichen Eigenschaften für jeden ersichtlich.

Solide Zuchtarbeit erkennen beim Kauf von Bienenköniginnen

DBJ: Worauf soll man beim Kauf einer Königin achten?

Tiesler: In den Bienenzeitungen und im Internet findet der Imker eine Vielzahl von Anzeigen, in denen Zuchtprodukte mit vielversprechenden Attributen beworben werden. In den seltensten Fällen steht aber eine solide Zuchtarbeit dahinter, vielmehr geht es um finanzielle Interessen. Deshalb sollte man sich zunächst darüber informieren, welche Züchter im eigenen Verband anerkannt sind. Hier kann man davon ausgehen, dass deren Arbeit offengelegt und kontrolliert wird. Das beebreed-Portal bietet dem Interessenten von Königinnen die Möglichkeit, sich über Züchter und deren Zuchtmaterial zu informieren. Hier ist zu ersehen, welche Völker bei welchem Züchter gekört sind. Bei allen Völkern gibt es für die einzelnen Eigenschaften Zuchtwerte, an denen man sich – je nach den eigenen Bedürfnissen – orientieren kann.

Eine weitere Möglichkeit besteht in dem Königinnen-Verkaufsportal der AG Toleranzzucht. Hier stellen anerkannte AGT-Züchter ihre zum Verkauf stehenden Königinnen ein. Auf jeden Fall ist man mit dem Kauf von Königinnen bei einem anerkannten Züchter aus der eigenen Region gut beraten. Hier kann man davon ausgehen, dass die Selektion unter ähnlichen Klima- und Trachtbedingungen erfolgte.

Tiesler: „Ideal wäre, wenn die Imker aufeinander Rücksicht nehmen“

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DBJ: Gibt es Probleme im Nebeneinander verschiedener Bienenrassen?

Tiesler: Aus der Vergangenheit sind zumindest den älteren Imkern die Folgen der unkontrollierten Einfuhr fremder Rassen bekannt: unruhige, aggressive, schwarmlustige und wenig einheitliche Völker. Besonders die Hybriden mit der einst bei uns heimischen Dunklen Biene zeigten eine ausgeprägte Aggressivität. Nachdem man sich auf vielen Ständen in Deutschland ohne jeglichen Zwang für die Carnica entschieden hatte, gab es zunächst bei der Einfuhr der aus England stammenden Buckfastbiene Mitte der 1960er-Jahre erhebliche Widerstände. Erst ein groß angelegter Versuch mehrerer Bieneninstitute mit durchgezüchteten Buckfastherkünften seriöser Züchter bestätigte, dass mit dem Einbringen von Buckfastbienen in die carnicabetonte Landbienenpopulation auf den Ständen der nicht züchtenden Imker keine negativen Einflüsse auf Verhaltenseigenschaften zu erwarten sind. Das hat das Nebeneinander beider Populationen versachlicht. Ob dies auch gilt, wenn von wenig verantwortungsbewussten Züchtern ohne sorgfältige Selektion – wie von Bruder Adam vorgegeben – fremde Rassen eingekreuzt werden, ist fraglich.

Kritischer zu sehen ist die Einfuhr von Dunklen Bienen aus anderen Ländern, denn die einst bei uns vorhandenen Ökotypen der Dunklen Biene gibt es nicht mehr. Die eingeführten Dunklen Bienen wurden in ihren Heimatländern zwar selektiert, über die Verhaltenseigenschaften der Hybriden, die zwangsläufig auf den benachbarten Ständen entstehen, gibt es heute aber keine abgesicherten Ergebnisse. Ideal wäre, wenn die Imker aufeinander Rücksicht nehmen. So gibt es etwa in Norwegen Gebiete für die Dunkle Biene und solche für die Carnica. Die Imker respektieren diese Gebiete und vermeiden Wanderungen in das jeweils andere Gebiet.

Bienen züchten: Das sind Gefahren und so kann man sie meiden

DBJ: Wo sehen Sie die größten Gefahren?

Tiesler: Leider sind Bienen – wie landwirtschaftliche Nutztiere – in der EU ein Handelsgut und unterliegen außer veterinärbehördlichen Bestimmungen keinen Handelsbeschränkungen. Dabei wird außer Acht gelassen, dass eingeführte Paketbienen, Ableger und Königinnen nicht isoliert gehalten werden können, sondern über die Drohnen auch einen Einfluss auf die heimische Population ausüben. Die negativen Folgen sind den älteren Imkern aus der Vergangenheit noch in lebendiger Erinnerung. Einfuhrverbote gibt es lediglich in Slowenien und in einigen regionalen Schutzgebieten Europas, wo die heimische Population geschützt ist. Die südlichen Länder – besonders Italien – verfügen über große Zuchtbetriebe, wo aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen früh in der Saison Tausende von Paketbienen, Ablegern und Königinnen für den Verkauf produziert werden. Dahinter stehen vor allem geschäftliche Interessen und meist keine qualifizierte Zuchtarbeit.

Wenn man Selektion betreibt, erfolgt diese unter anderen Tracht- und Klimabedingungen. Seuchenrechtliche Aspekte werden dabei häufig außer Acht gelassen. Man ist verwundert darüber, wie viele Tausend Kunstschwärme alljährlich, meist auf fragwürdige Art, nach Deutschland gelangen. Dabei ist uns allen doch die Gefahr der Einschleppung des in Süditalien nicht mehr auszurottenden Kleinen Beutenkäfers bekannt. Sowohl aus genetischen als auch aus Gründen der Bienengesundheit ist dringend vor Importen aus diesen Ländern zu warnen.

Die Fragen stellten Silke Beckedorf und Xandia Stampe.

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