Nahrungskonkurrenz zwischen Wild- und Honigbienen: Ja, aber …

18. Mai 2021

Wild- und Honigbienen können konkurrenzlos zusammenleben. Heutzutage aber nicht mehr überall. Der Verlust an Lebensräumen sorgt mancherorts auch für eine Nahrungskonkurrenz. Umweltforscher Josef Settele erklärt im Interview die Hintergründe und was jeder dagegen tun kann.

Aktuelle Medienberichte erwecken den Eindruck, dass die Honigbienenhaltung mitverantwortlich ist für das Insektensterben. Was ist dran an dieser sehr pauschalen Behauptung? Wir sprachen mit Prof. Dr. Josef Settele, Leiter des Departments Naturschutzforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ in Halle.

Was halten Sie von der pauschalen Verurteilung der Honigbiene?

Ausgabe 10/2021

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Top-Themen:

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Josef Settele: Pauschal ist das garantiert nicht richtig, schon gar nicht wenn man es auf die Insekten allgemein bezieht. In meinem Buch „Die Triple-Krise“ schrieb ich: „Ich will nicht behaupten, unsere geliebte Honigbiene trage die Hauptschuld am Schwund der Wildbienen. … Aber ich kann die Honigbienen trotzdem nicht freisprechen. In Naturschutzgebieten haben Bienenvölker von Imkern wenig zu suchen. Sind in den Gebieten seit Langem Imker aktiv, dann sollte zumindest nicht »aufgestockt« werden, dasselbe gilt an den Grenzen der Gebiete.“

Gibt es so etwas wie eine Nahrungskonkurrenz zwischen Wild- und Honigbienen?

In der Tat kann die Honigbienenhaltung durchaus in Konkurrenz zum Erhalt und Schutz anderer Blütenbesucher und Bestäuber stehen, insbesondere zu Wildbienen.

Wann und wo kann Nahrungskonkurrenz entstehen?

Settele: Nahrungskonkurrenz kann immer dann entstehen, wenn das Angebot an Blüten und damit Pollen und Nektar nicht ausreichend ist für alle Bestäuber. Honigbienen sind dabei Generalisten, sie weiden auf allen Blüten, die sie vorfinden und zu denen sie Zugang finden. Rund ein Drittel der Wildbienen ist jedoch sehr spezialisiert und braucht ganz bestimmte Pflanzen, um zu überleben. Treten dort Honigbienen als Konkurrenten auf, kann es schwierig werden.

Was sind die Hauptfaktoren für den Rückgang von Wildbienen?

Settele: Wie bei allen Insekten ist zuallererst der Rückgang an geeigneten Lebensräumen zu nennen. Der führt zum Verlust vieler Arten, ist also eine Hauptursache für den Rückgang der Insektenarten und Insektenvielfalt in unserer Kulturlandschaft. Diese betrifft Naturschutzgebiete, die in Mitteleuropa meist auf eine extensive Nutzung wie z.B. Beweidung angewiesen sind, ebenso wie die sogenannte „Normallandschaft“, die meist durch intensivere forstliche oder agrarische Nutzung geprägt ist, sowie durch weniger Strukturen wie Hecken oder Wegraine. Überall spielen auch Pestizide eine Rolle – zum einen Herbizide, die die Nahrungsgrundlage vieler spezialisierter Pflanzen-Fresser und Pollen-Ernter betreffen, zum anderen Insektizide, die sich natürlich direkt auf die Insekten auswirken.

Gibt es dabei Unterschiede zwischen Stadt und Land?

Settele: Ja, denn in der Stadt ist es vor allem die Nutzung exotischer Pflanzen, die für Bestäuber wenig hergeben und die Monotonie in vielen Gärten – deren Sinnbild für mich neuerdings die Mähroboter sind, sowie die meist überflüssige und meines Erachtens an eigenartigen ästhetischen Kriterien ausgerichtete Anwendung von Pflanzenschutzmitteln – aber beim Schönheitsempfinden scheiden sich bekanntlich die Geister.

Trotz des Imkerbooms der vergangenen Jahre hat sich die Zahl der gehaltenen Bienenvölker nicht in gleicher Art erhöht. Gibt es dennoch negative Folgen für Wildbienen und andere Insekten?

Josef Settele erklärt, wann und wo Wild- und Honigbienen zu Nahrungskonkurrenten werden.
Prof. Dr. Josef Settele vom UFZ in Halle erklärt, wann und wo Wild- und Honigbienen zu Nahrungskonkurrenten werden. Foto: Sebastian Wiedling/UFZ

Settele: Der Umstand, dass die Anzahl der Imker stärker stieg als die Anzahl der Bienenstöcke sagt ja nur, dass ein Imker heute im Schnitt weniger Völker hat als früher. Es bedeutet hingegen nicht, dass es nicht mehr Konkurrenz gibt, solange eben die Anzahl der Honigbienenstöcke und somit der Honigbienen ansteigt.

In welchen Umkreis um einen Bienenstand und in welchen Biotop-Typen?

Settele: Der Radius der Honigbiene beträgt im Durchschnitt etwa drei Kilometer. Damit ist er übrigens doppelt so groß wie die maximale Reichweite der meisten Wildbienen. So weit reicht dann auch die Wirkung der Bienen. Pauschal kann man dabei zum Biotop-Typ wenig sagen. Die Konkurrenzwirkung hängt von der Menge an Blüten wie auch der Menge von Honigbienen ab.

Was löst Ihrer Meinung nach die größten Probleme für bestimmte Wildbienen und andere Insekten derzeit aus?

Settele: Der Verlust an Lebensräumen die durch extensive Nutzung geprägt sind, also der Verlust typischer Elemente unserer traditionellen Kulturlandschaften. Das schließt vielfältige Nahrungsressourcen genauso wie Nistmöglichkeiten wie z.B. offene Bodenstellen mit ein. Ebenso werden durch den Verlust an Strukturvielfalt in der Landschaft die Möglichkeiten für teils auch weiter verbreitete Wildbienen eingeschränkt.

Welche Wildbienenarten sind besonders gefährdet?

Settele: In meinem Buch schrieb ich: „Rund ein Drittel der Wildbienen ist jedoch spezialisiert und braucht ganz bestimmte Pflanzen, um zu überleben, darunter zum Beispiel die Heidekraut-Seidenbiene (Colletes succinctus), die Heidekraut-Sandbiene (Andrena fuscipes) oder die Glänzende Natternkopf-Mauerbiene (Osmia adunca). Letztere verschmäht fast alle Pollen – bis auf die der namensgebenden Pflanze Natternkopf (Echium).“ Es geht also um die Wildbienen mit besonderen Ansprüchen an Nahrungsquelle und Lebensraum. Deutlich über die Hälfte unserer gut 550 Wildbienenarten sind auf der Roten Liste, also gefährdet.

Unter welchen Bedingungen leben Wild- und Honigbienen ohne Nahrungskonkurrenz zusammen?

Settele: Unter Bedingungen hohen Blütenangebots und eines großen Spektrums von Blütentypen, die für Generalisten und Spezialisten genügend hergeben.

Was kann man für den Erhalt von Wildbienen tun?

Settele: Neben der Unterstützung der Vielfalt in der Landschaft und damit verbunden z.B. biologischer Landwirtschaft, was gleichbedeutend ist mit der Veränderung des Konsumverhaltens und mit dem Engagement für grundsätzliche politische Veränderungen, kann man im direkten eigenen Umfeld, auch auf den eigenen Flächen oder denen der Gemeinde aktiv werden.

Dazu ein Zitat aus einem Blühkalender der von der deutschen Kontaktstelle des Weltbiodiversitätsrates IPBES dieser Tage herausgegeben wird und auch Empfehlungen für geeignete Nektarpflanzen enthält: „Die meisten Pflanzen, die wir in unseren Gärten anbauen, sind Kulturpflanzen, die vom Menschen aus ursprünglichen Wildpflanzen zur Zierde oder Nahrungsgewinnung gezüchtet wurden. Die natürlichen Vorfahren von Kulturpflanzen sind im Aussehen oft unscheinbar. Ihre Schönheit und Bedeutung bei der Gestaltung des eigenen Gartens wird daher oft übersehen. Wildpflanzen sind jedoch oft robuster, also widerstandsfähiger gegenüber Schädlingen und Krankheiten. Dadurch sind sie häufig besser gegenüber sich verändernden Umweltbedingungen gerüstet als anspruchsvolle Kulturpflanzen. Heimische Wildpflanzen sind aber vor allem eine wichtige Nahrungsquelle und bieten vielfältige Lebensräume für unzählige Tiere. Hierbei bestehen oft enge wechselseitige Beziehungen mit Wildbienen, Schmetterlingen, Schwebfliegen, Käfern und weiteren bestäubenden Insekten.“

Interview: Jana Tashina Wörrle

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