Tote Hummeln unter Linden: Was steckt dahinter?

23. Juli 2020

Tote Hummeln, erschöpfte Bienen – unter Lindenbäumen ergibt sich im Sommer oft ein trauriges Bild. Die Ursache hierfür blieb lange unbekannt. Was ist der Grund für tote Hummeln unter Linden? Und warum kommen Honigbienen tendenziell besser weg als sie? Mehr dazu im Artikel.

Vermehrt haben wir in letzter Zeit Nachrichten von besorgten Imkerinnen und Imkern erhalten: Warum liegen so viele tote Hummeln unter Lindenbäumen? Auch Honigbienen seien dort zu finden – viele wirkten erschöpft, einige seien bereits tot. Gerade die Linde! Die, die unseren Bienen im Sommer als eine der letzten Trachtpflanze dient. Tatsächlich lässt sich das Phänomen des Hummelsterbens nur unter zwei Lindenarten beobachten, unter der Silberlinde (Tilia tomentosa) am häufigsten, an der Krimlinde (Tilia x euchlora) etwas weniger. Forscherinnen und Forscher aus Münster zählten im Jahr 1990 etwa 200 tote Hummeln pro Tag und Baum. Unter Sommerlinde (Tilia plataphyllos), Winterlinde (Tilia cordata) und Holländischer Linde (Tilia x europaea) finden sich dagegen keine toten Hummeln und Bienen. Was stimmt da nicht?

Mannose: Gefährlich für Bienen und Hummeln, aber keine Ursache für Hummelsterben

Ausgabe 12/2020

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  • Winterbehandlung
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Das Phänomen des Hummelsterbens ist seit Jahrzehnten bekannt, nur die Ursache blieb lange unentdeckt. 1977 ging man davon aus, dass Mannose im Nektar der Silberlinde enthalten sein könnte. Für Hummeln und Bienen ist die Zuckerart unverdaulich und führt zu Lähmung und Tod, das wurde schon in den 30er Jahren nachgewiesen. Die Erkenntnis, Lindennektar enthalte Mannose, stützte sich auf einen Versuch, bei dem acht Hummeln mit sieben Blüten der Silberlinde eingesperrt wurden. Binnen 12 Stunden starben die Hummeln. Später stellte sich heraus: Nicht die Mannose war Ursache hierfür, sondern das fehlende Nahrungsangebot. Sieben Blüten für acht Hummeln – das war schlicht zu wenig Futter. Die Hummeln verhungerten. Weitere Analysen ergaben: Mannose ist weder im Nektar der Krim- und Silberlinde noch im Nektar von Sommer- und Winterlinde enthalten. Lediglich die unschädlichen Zucker Saccharose, Glucose und Fructose konnten hier nachgewiesen werden, so auch im Körper der sterbenden Hummeln. Die Mannose-Behauptung stellte sich als falsch heraus.

Tote Hummeln unter Linden: Natürliches Sterben?

Die Silber- und Krimlinde gelten als spätblühende Lindenarten; sie blühen noch nach Sommer- und Winterlinde, deren Blütezeit Mitte Juli vorbei ist. Ist es nicht so, dass sich viele Hummelarten zu der Zeit am Ende ihres Hummeldaseins befinden und deshalb unter den Linden sterben? – Jein. Eine Untersuchung von 4116 toten Hummeln, die unter der Silberlinde gefunden wurden, stufte nur etwa 6 % davon als „alt“ ein, aufgrund von Flügelverschleiß und Florverlust. Die These kann dadurch nur teilweise getragen werden. Und Fraßfeinde? Kohlmeisen und Wespen sind an blühenden Linden anzutreffen – aber auch sie sind nicht für das Massensterben verantwortlich, sondern bedienen sich eher an den bereits geschwächten oder toten Tieren.  

Annahme: Fehlendes Blühangebot – Tod durch Erschöpfung und Verhungern

Sobald Winter- und Sommerlinde Mitte Juli verblüht sind, nimmt das Nektar- und Pollenangebot für Bienen und Hummeln stetig ab. Die Silberlinde stellt für beide Insekten ein attraktives Ziel dar – sie treten in Wettbewerb um den verbleibenden Nektar. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten außerdem fest, dass die Anzahl der toten Hummeln gen Ende der Blütezeit ansteigt. Grund dafür ist, dass weniger bis gar kein Nektar mehr vorhanden ist, die Hummeln den Baum aber weiterhin nach Futter absuchen. Letztlich verbrauchen die Hummeln mehr Energie als sie aufnehmen können, werden geschwächt und können am Hunger sterben.

Warum trifft es Hummeln häufiger als Honigbienen?

Es wird davon ausgegangen, dass Hummeln 75 % der toten Insekten unter Linden ausmachen, davon ist vor allem die Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris) betroffen. Erdhummeln sind – wie auch andere Hummelarten – blütenstet und stellen sich schlechter als Bienen auf neue Trachtpflanzen ein. Zudem legen sie keine oder nur geringe Nektarvorräte in ihren Nestern an: Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass Honigbienen im Vergleich zu Hummeln besser mit Nektarmangel umgehen können.

Hummelsterben unter Linden: Weitere Forschungsarbeit notwendig

Auch wenn das Phänomen der toten Hummeln unter Linden noch nicht vollständig erforscht wurde, stellt das Sterben der Hummeln durch Verhungern aktuell die plausibelste Erklärung dar. Warum Hummeln auch in der Linde verbleiben, wenn alternative Blühpflanzen zur Verfügung stehen, konnte beispielsweise noch nicht geklärt werden. Die Forschergruppe aus England beschrieb im Jahr 2017 noch weitere Ansätze, die als Erklärung dienen könnte. Darunter zum Beispiel die Annahme, dass Hummeln und Bienen vom Duft der Linde angezogen werden und deshalb auch dort verbleiben, wenn kein Nektar mehr vorhanden ist. Oder auch, dass Koffein im Nektar der Silberlinde dazu führen könnte, dass sich die Bestäuber nicht nach anderen Futterpflanzen umschauen. Forscherinnen und Forscher sind nun dazu angehalten, weitere Ursachen für das Hummelsterben zu identifizieren.

Hummelsterben verhindern: Was kann ich tun?

Um das massenweise Hummelsterben einzudämmen, lautet die allgemeine Empfehlung: Im Spätsommer genügend alternative Blühpflanzen bereitstellen. Das hilft nicht nur Hummeln ungemein. Für den spätsommerlichen Blühgarten eignen sich zum Beispiel Artischocke, Lavendel, Malven und Stockrosen, Sommerflieder und Sonnenhut-Arten, aber auch Bartblume, Büchelschön, Efeu, Heidekraut, verschiedene Kleearten, Taubnessel, Wasserdost oder Kugeldisteln.

Weniger hilfreich ist das Füttern der Hummeln mit Zuckerwasser. Es ist wahrscheinlich, dass die Hummel nach der Stärkung zurück in die Linde fliegt und das Spiel von Neuem beginnt.

Die Unterschiede der Lindenarten können Sie hier nachlesen>>>

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