Wildbienen vs. Honigbiene: So unterscheiden sie sich

01. Juni 2021

Neben der allseits bekannten Honigbiene gibt es fast 600 weitere Bienenarten in Deutschland. Ihnen allen gemein ist, dass sie Pollen und Nektar sammeln. Bei vielen würde man auf den ersten Blick vielleicht gar nicht vermuten, eine Biene vor sich zu haben, so vielfältig sind die Gestalten und Lebensweisen der Wildbiene.

Bienen gelten als fleißige, Honig produzierende Insekten. Doch es gibt bei uns nur eine Art von Biene, die so große Vorräte anlegt, dass sie sich als Honig ernten lassen: die Honigbiene. Weitgehend unbekannt ist, dass es neben diesem Haus- und Nutztier noch eine große Vielfalt an Wildbienen gibt. In Deutschland wurden bislang rund 590 Arten nachgewiesen, in der Schweiz 620 und in Österreich 700 Arten. Weltweit sind über 20.000 Bienenarten bekannt.

Wildbiene: Vielfalt und Größenunterschiede

Ausgabe 06/2021

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Den Begriff „Wilde Bienen“ verwendete erstmals der Naturforscher Johann Ludwig Christ in seinem 1791 erschienenen Buch über Hautflügler. Nicht ihre Wildheit war für die Namensgebung ausschlaggebend, sondern der Umstand, dass sie im Gegensatz zur Honigbiene „gleichsam wild, ihrem Schicksal überlassen, o(h)ne unsere Aufsicht … leben …“. Wildbienen sehen sehr unterschiedlich aus und sind äußerst vielfältig angepasst: Die kleinste heimische Art – die Steppenbiene (Nomioides minutissimus) – misst gerade einmal vier Millimeter, die größten Arten – Holzbienen und verschiedene Hummelköniginnen – werden bis zu 30 Millimeter lang und wiegen mehr als das Siebenhundertfache der Steppenbiene.

Wildbiene - Seidenbiene
Für den Pollentransport haben die Seidenbienen – wie die Honigbienen – dicht behaarte Beine. Andere Wildbienenarten sammeln den Pollen zum Beispiel mit Bürsten an ihrem Bauch. Foto: Heinz Wiesbauer

Wildbienen verfügen über unterschiedliche Einrichtungen für den Pollentransport. Manche Weibchen haben dazu – ähnlich der Honigbiene – dicht behaarte Beine, sogenannte Hosen. Andere transportieren den Pollen mit Sammelhaaren an der Unterseite des Hinterleibs, wieder andere verschlucken das kostbare Gut und würgen es im Nest wieder aus. Die meisten Bienen leben solitär, also für sich allein, es gibt aber auch soziale beziehungsweise staatenbildende Arten.

Wildbiene: Solitäre und soziale Arten

Fast alle Wildbienenarten werden nur wenige Wochen alt. In der Regel schlüpfen die Männchen einige Tage vor den Weibchen und warten dann bei den Nistplätzen auf diese. Nach deren Schlupf folgt die Paarung. Das Weibchen beginnt gleich oder wenige Zeit später, ein Nest zu bauen, Pollen und Nektar zu sammeln und diesen als Proviant für ihre Nachkommen in den Brutzellen zu verstauen.

Wildbiene - Zaunrüben-Sandbiene
Die Zaunrüben-Sandbiene (Andrena florea) bevorzugt, wie knapp die Hälfte aller in Mitteleuropa vorkommenden Wildbienenarten, den Pollen einer oder weniger Pflanzenarten. Foto: Heinz Wiesbauer

Etwa 90 Prozent der Wildbienenarten leben solitär. Das bedeutet, das Weibchen erledigt das Brutgeschäft selbstständig ohne die Hilfe anderer Weibchen. Anders als bei Arten mit sozialer Lebensweise wie Hummeln, Honigbienen und einigen Furchenbienenarten gibt es bei solitären Bienen keine Arbeitsteilung und keine Vorratshaltung von Nahrung. Aufgrund ihrer kurzen Lebenszeit lernt die Mutter ihren Nachwuchs in der Regel nicht kennen. Bei Arten mit sozialer Lebensweise arbeiten mehrere Weibchen bei der Aufzucht des Nachwuchses zusammen. Bei den Hummeln beispielsweise gründet ein einziges Weibchen einen Staat und arbeitet zunächst wie eine solitäre Biene am Aufbau des Nestes.

Das eigentliche Sozialleben beginnt, sobald ihre Töchter schlüpfen. Sie übernehmen nun den „Außendienst“ und versorgen die Larven, während die Mutter im Nest bleibt und Eier legt. Solche Staaten brechen meist mit dem Erscheinen von Geschlechtstieren, also Jungköniginnen und Männchen, zusammen und sind daher vergleichsweise kurzlebig. Rekordverdächtig ist hingegen die Lebenserwartung der Schmalbiene (Lasioglossum marginatum), bei dem das dominante Weibchen bis zu sechs Jahre alt werden kann.

Nestbau: Im Boden, in Pflanzenstängeln oder auch in Mauerspalten

Wildbiene - Schwarze Keulhornbiene
Die Schwarze Keulhornbiene (Ceratina cucurbitina) legt ihre Nester in markhaltigen Stängeln an und nutzt dazu meist Rosen- oder Brombeerzweige. Foto: Heinz Wiesbauer

Solitäre Bienen legen nur wenige Eier. Sie investieren dafür umso mehr Energie in den Nestbau und die Versorgung der Brutzellen mit Larvenproviant. Als Nest dient ein verschließbarer Hohlraum, der je nach Bienenart entweder bereits vorhanden ist und für Brutzwecke adaptiert oder vom Weibchen neu errichtet wird. Das Nest ermöglicht nicht nur die Aufzucht der Brut, sondern ist auch ein Ort, an den sich das Weibchen zurückziehen kann, um zu schlafen oder ein Gewitter zu überdauern. Der Nestbau der Wildbienen ist äußerst vielfältig: Je nach Art graben die Weibchen Gänge in den Boden, in Totholz oder Markstängel. Oder sie nutzen bestehende Hohlräume wie Käferfraßgänge, hohle Pflanzenstängel, Fels- und Mauerspalten, leere Schneckenhäuser und verlassene Gallen. Sie können ihre Nester aber auch an Felsen oder Pflanzen errichten.

Blütenbesuch: Wildbienen sind oft spezialisiert

Knapp die Hälfte der in Mitteleuropa vorkommenden nestbauenden Wildbienenarten sind beim Blütenbesuch spezialisiert und sammeln den Pollen ausschließlich oder stark bevorzugt auf einer einzigen Pflanzengattung, -familie oder -art. Für das Überleben dieser als oligolektisch bezeichneten Arten sind diese Pflanzen essenziell, da sie nicht auf andere Pollenquellen ausweichen können.

Die polylektischen Arten dagegen sind mehr oder weniger stark ausgeprägte Generalisten, die den Pollen auf Vertretern mehrerer Pflanzenfamilien sammeln. Zwischen Oligolektie und Polylektie gibt es breite Übergänge. So können auch viele polylektische Arten eine gewisse Vorliebe für bestimmte Pflanzenfamilien oder -gattungen zeigen. Wildbienen haben unterschiedliche Techniken, um den Pollen schnell und in großer Menge zu ernten. Die Weibchen vieler Arten verfügen über eine spezielle Behaarung an den Beinen oder am Hinterleib, mit der sie den Pollen in leicht zugänglichen Blüten direkt aus den Staubbeuteln aufnehmen können.

Pollen sammeln mit Bauch, Beinen und der Kopfbehaarung

Wildbiene - Blaue Mauerbiene
Die Blaue Mauerbiene (Osmia caerulescens) bevorzugt Insektenfraßgänge im Totholz für ihr Nest. Foto: Heinz Wiesbauer

So fegen beispielsweise Hosenbienen-Weibchen der Gattung Dasypoda mit ihrer Beinbehaarung über die Blüten einer Distel oder einer Skabiose und sammeln dabei den Pollen auf. Die Weibchen der Spiralhornbiene (Systropha) wälzen sich mit ihrem ganzen Körper in den Windenblüten und nehmen mit allen behaarten Körperteilen Pollen auf. Ähnlich körperbetont ist auch die Sammeltechnik der Zottelbienen (Panurgus) auf Zungenblütlern. Liegen die Staubbeutel an schwer zugänglichen Stellen, setzen die Wildbienen zur Pollenernte verschiedene Körperteile ein. So muss der Pollen aus Röhrenblüten zunächst mit dem Rüssel, den Kiefern oder der Kopfbehaarung geborgen werden, bevor ihn die Bienen mit Speichel benetzen und mit den Beinen zu den Transporteinrichtungen schieben.

Nach der Aufnahme muss der Pollen für den Transport zum Nest zwischengelagert werden. In der älteren Literatur wird dabei zwischen Kropf-, Bein- und Bauchsammlerinnen unterschieden. Oft sind die Übergänge zwischen diesen Typen aber fließend, da unterschiedliche Körperteile am Pollentransport beteiligt sind.

Was sind Kuckucksbienen?

Wildbiene - Blutbiene
Parasitisch: Etwa ein Viertel aller Wildbienen zählen, wie diese Blutbiene, zu den sogenannten Kuckucksbienen. Sie schmuggeln ihre Eier in die Nester anderer Bienenarten. Foto: Heinz Wiesbauer

Doch nicht alle Wildbienen bauen ein Nest. Etwa ein Viertel der Wildbienen zählt zu den Brutparasiten, den sogenannten Kuckucksbienen und Kuckuckshummeln. Kuckucksbienen bauen keine eigenen Nester, sondern schmuggeln ihre Eier in die Brutzellen anderer Bienenarten. Dort entwickelt sich auf dem Larvenproviant der Wirtsbiene eine Kuckucksbiene. Kuckuckshummeln leben sozialparasitisch und lassen ihre Brut von Arbeiterinnen einer nah verwandten Hummelart aufziehen.

So gefährdet sind die Wildbienen

In Mitteleuropa werden je nach Region beziehungsweise Bundesland zwischen 25 und 68 Prozent aller Wildbienenarten in den Roten Listen geführt. Wurden bislang vorwiegend seltene und hoch spezialisierte Bienenarten aufgenommen, die auf Änderungen ihrer Lebensbedingungen besonders empfindlich reagieren, so gelten nach dramatischen Bestandseinbrüchen in jüngerer Zeit auch wenig spezifische Arten als bedroht. In Deutschland verzeichnen viele, ursprünglich häufigere Arten seit einigen Jahren starke Rückgänge, und das sogar in wildkräuterreichen, für Bienen günstigen Habitaten und ausgewiesenen Schutzgebieten.

Wilde Biene Buchcover
Cover: Ulmer Verlag

Die Ursachen für die Gefährdung der Wildbienen sind von Gebiet zu Gebiet unterschiedlich. Die allermeisten Arten sind vor allem durch die massiven Lebensraumverluste und die intensiver werdende Landwirtschaft bedroht. Oft sind mehrere Faktoren für die Rückgänge ausschlaggebend, etwa das ungünstige Blütenangebot, der Verlust von Nistplätzen, die Überdüngung und vor allem der Spritzmitteleinsatz. Bei einigen alpinen und hochalpinen Arten spielt auch der Klimawandel eine verheerende Rolle.

Cover Fachbuch Goldwespen
Cover: Ulmer Verlag

Die Diversität an Wildbienen ist für den Menschen von großer Bedeutung, da sie wichtige Bestäuber sind. Ein weitgehender Verlust von Wildbienen in Agrarlandschaften würde die Produktion vieler Lebensmittel erheblich beeinträchtigen. Denn Bestäubung ist nicht nur wichtig für 88 Prozent aller Wildpflanzen, sondern auch für 70 Prozent der weltweit wichtigsten Nutzpflanzen und beeinflusst 35 Prozent der globalen Nahrungsmittelproduktion.

Heinz Wiesbauer

Lesetipp: Heinz Wiesbauer hat ausführliche Porträts auch zu den Goldwespen Mitteleuropas geschrieben.>>>

Sein Wissen über Wildbienen gibt es im Buch „Wilde Bienen“ weiter.>>>

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