Imkerei in Äthiopien: Imkern in der Wiege der Menschheit

14. Juli 2021

Äthiopien gilt als arm und rückständig. Dabei bietet das Land am Horn von Afrika einiges: Auch traumhafte Bedingungen für Imker. Erfahren Sie in unserer Reportage mehr über die Imkerei in Äthiopien.

Viele Geschichten ranken sich um den äthiopischen Honigwein: Tej, gesprochen „Tedsch“, wird aus Wabenhonig, Wasser und den Zweigen des afrikanischen Faulbaumes hergestellt. Die Königin von Saba soll damit König Salomon verführt haben, der mit ihr im Rausch Menelik zeugte, den ersten Kaiser Äthiopiens. Es gibt noch andere Versionen dieser Begegnung, die zur Begründung der jahrtausendealten Kaiserdynastie Abessiniens geführt haben soll.

Ausgabe 10/2021

DBJ_10_2021

Top-Themen:

  • Tierwohl in der Imkerei
  • Melezitosehonig
  • Verdampfer statt Smoker?
  • Vertriebene Honigjäger

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Imkerei in Äthiopien: Alles für den Honigwein

Aber eines wird deutlich: die große Rolle, die Honigwein in Äthiopien spielt. Daran hat sich seit den Zeiten der Königin von Saba nicht viel verändert. Jeder kennt ihn, jeder trinkt ihn. 7,8 Liter pro Person konsumieren die Äthiopier im Schnitt pro Jahr. Fast die gesamte Ernte landet in den kleinen, bauchigen Flaschen. Serviert werden sie hauptsächlich im sogenannten Tej-Bet, zu Deutsch „Haus für Honigwein“, von denen es Tausende gibt, allein 500 in der Hauptstadt Addis Abeba. Auf dem Land sind es einfache Dorfkneipen, in denen ein Fernseher vor sich hindudelt und die überwiegend männliche Kundschaft zusammensitzt. Um den großen Markt in Addis Abeba schmiegen sich riesige Bars, in denen Hunderte Männer trinken, bedient von Kellnern, die aus großen, blauen Emaillekannen nachschenken. In der Nähe des alten Kaiserpalastes treffen sich besser gekleidete Herrschaften und genießen hochwertigen Honigwein in der ehemaligen Staatsbrauerei von Kaiser Haile Selassie. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts blieb das rauen der Aristokratie vorbehalten. Seither mischen alle kräftig mit, jede Familie nach ihrem eigenen Rezept. Ostern, Weihnachten oder Meskel, die „Wiederfindung des wahren Kreuzes“: All diese Feste kann sich die christliche Mehrheit der Äthiopier kaum ohne Tej vorstellen.

Honigwein - Imkern in Äthiopien - Foto: Silke Beckedorf
In den zahlreichen Brauereien wird der Großteil des Honigs, der in Äthiopien erzeugt wird, zu Tej umgesetzt. Zu Kaiserzeiten besaß der Staat das Monopol auf den Honigwein. Heute braut jeder nach seinem eigenen Rezept. Häufig betreiben engagierte Frauen die Tej-Brauereien. In großen Fässern reift das Getränk heran. Im Bild eine Unternehmerin aus Addis Abeba. Foto: Silke Beckedorf

Viel Glukose und wenig Fruktose muss der Honig haben, aus dem Tej gemacht wird, sonst wird er zu süß für den äthiopischen Gaumen. Geschätzte zehn Millionen Bienenvölker betreuen die Imker in Äthiopien. Vom geernteten Honig wandert jedoch nur sehr wenig in den Export. Es gelangt auch kaum etwas auf die Frühstückstische der Äthiopier. Nur wer Magazine besitzt und Zugang zu einer Schleuder hat, kann den Honig damit ernten. Die hohen Qualitätsstandards für den Export erreichen die meisten Bienenhalter damit jedoch noch nicht. Und warum auch? Honig ist in Äthiopien ein hochwertiges Produkt, das im Inland gute Preise erzielt. Üblicherweise wird die gesamte Ernte – inklusive Waben – zu Tej verarbeitet. 

Die meisten Imker betreiben die Bienenhaltung nebenbei. Sie hängen geflochtene Korbröhren in die Bäume, um damit die zahlreich vorhandenen, wild lebenden Schwärme anzulocken. Sind die Körbe besiedelt und mit Brut und Honig gefüllt, rückt der Imker mit Rauch an und bricht die Waben aus dem Korb. Fehlt das imkerliche Wissen, landet das Volk oft auf dem Boden, dort, wo die Brutwaben hingeworfen wurden – eine Methode, die mittlerweile zwar verboten ist, aber immer noch angewendet wird.  

Imkern in Äthiopien - wilde Schwärme - Foto: Silke Beckedorf
Schwarmfang mit Korbröhren: Selbstgebaute Beuten hängen in den Bäumen, um wild lebende Bienenschwärme anzulocken.

Heute profitieren etliche Imker von Ausbildungen, die der Staat und Hilfsorganisationen anbieten. Dort werden moderne Formen der Imkerei unterrichtet, etwa die Bienenhaltung in Kenianischen Oberträgerbeuten, den sogenannten Top Bar Hives, oder in Magazinen. Die auf dem Land arbeitenden Imker zeigen sich in der Kombination unterschiedlicher Beutentypen und Betriebsweisen flexibel. 

Imkerei in Äthiopien: Große Vielfalt in der Bienenhaltung 

An den aus Lehm gebauten Häusern hängen Korbbeuten, gleichzeitig stehen an schattigen Plätzen Magazine und Oberträgerbeuten. Die Bienen werden meist während der Nacht bearbeitet, da sie recht stechlustig sind. Bienen haben in Äthiopien eine große mythologische Bedeutung. Das zeigt sich an den Felsenkirchen von Lalibela, die zum Weltkulturerbe gehören. Die Dächer der 800 Jahre alten Steinbauten schließen mit der Erdoberfläche ab. Der Sage nach soll der König von Lalibela, der die Kirchen bauen ließ, als Kind in der Wiege von einem Bienenschwarm umflogen worden sein. Seine Mutter deutete das als Zeichen. Lalibela bedeutet: „Die Bienen erkennen seine Macht.“ 

Honig - Imkern in Äthiopien - Foto: Silke Beckedorf
An einer Landstraße steht ein Händler und bietet Honig an. Die Kunden füllen das Bienenprodukt in eigene Plastikcontainer ab. Hohe Ansprüche an die Sauberkeit werden nicht gestellt, Reste toter Bienen dienen eher als „Echtheitszertifikat“.

Selbst gebaute Beuten aus Ästen und Lehm 

In Debark, einer Stadt im äthiopischen Hochland, lebt der 26-jährige Maresha Teshager. Bis vor Kurzem arbeitete er als Fremdenführer. Jetzt baut er zusammen mit seinem Bruder eine Imkerei auf. Die beiden besitzen 50 traditionelle Beuten, die außerhalb der Stadt zum Schwarmfang in den Bäumen hängen. Zur Honigproduktion nutzen sie Oberträgerbeuten und einige Magazine. Die Oberträgerbeuten haben die beiden Jungimker selbst hergestellt, indem sie Holzgestelle aus Ästen gebaut, diese mit Flechtwerk aus Zweigen versehen und die Wände mit Lehm verputzt haben.

Wenn Teshager die Völker aus den engen Strohröhren in die größeren Oberträgerbeuten umsiedeln möchte, legt er ein Ende des Strohkorbes in die Beute und treibt die Bienen mit Rauch in ihre neue Behausung. Danach löst der Imker Wabe für Wabe aus dem Strohkorb und bindet die kleinen Wachsscheiben an den Oberträgern fest. Nach fünf Tagen haben die Bienen die Waben festgebaut und die Stricke zerraspelt . „Noch ein paar Wochen, dann ist der Kasten voll“, nickt Teshager zufrieden. Dann versetzt er die deutsche Reisegruppe, die ihn besucht, in Erstaunen: Er öffnet ein Volk bei Tageslicht. Verpackt in Schutzkleidung äugen die Imker neugierig in die Beute. Sofort entdeckt ein Teilnehmer Varroen auf den Bienen, obwohl diese in Äthiopien gar nicht vorkommen sollen. „Was ist das?“, fragt der junge Imker erschrocken, als er die Milbe sieht. Er hat noch nichts von Varroa gehört. Ein Konzept zum Umgang mit den Milben gibt es nicht. Wie es aussieht, kommen die Bienen aber auch so recht gut mit dem Parasiten zurecht. 

[Titelbild: Im Simien-Nationalpark türmen sich Felsformationen, die für das menschliche Auge fast unwirklich anmuten. Im Oktober, nach der großen Regenzeit, ist das Land mit einem Teppich aus gelben Blüten überzogen – Nektar im Überfluss.]

Text und Fotos: Silke Beckedorf

Imkerei in Äthiopien: In der Mediathek von ARTE ist die Doku „Die Bienenflüsterer – Äthiopien, Summende Schutzengel“ noch bis zum 27.7.2021 verfügbar>>>

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